Das Felsberger Institut unterhält derzeit drei Forschungsschwerpunkte, die interdisziplinär bearbeitet werden und in einem größeren Rahmen miteinander verknüpft sind. So werden im Schwerpunkt „Friedens- und Konfliktforschung“ Ursachen und Hintergründe für Flucht und Migration untersucht, die essentiell sind, um Flüchtlinge nach ihrer Ankunft und in ihrem Integrationsvorhaben zu unterstützen.  Der zweite Schwerpunkt widmet sich daher der „Migrationsbezogenen Bildungs- und Integrationsforschung“, insbesondere der Bildungsintegration unbegleiteter Minderjähriger (UM).

Da wir in unserer Forschungsarbeit auf Vergleich und Tiefe gleichermaßen abzielen, verfolgen wir einerseits einen komparativen Ansatz und eine regionale Spezialisierung andererseits. Unser dritter Schwerpunkt ist daher regional ausgewiesen und arbeitet zum Horn von Afrika.

In Publikationen und Working Papers stellen wir unsere Arbeiten und Interessen im Einzelnen vor.

 

 

1)                  Friedens- und Konfliktforschung

 

Im Forschungsschwerpunkt „Friedens- und Konfliktforschung“ untersucht Hartmut Quehl in einer global vergleichenden Studie ausgewählte Befreiungskriege nach Ende des zweiten Weltkrieges („Vergleichende Kriegsforschung: Sozial- und Alltagsgeschichte von Befreiungskriegen nach dem zweiten Weltkrieg“). Diese historisch angelegte Studie basiert auf cross-time und cross-culture Vergleichen und versucht über die regionalen  Unterschiede hinweg eine vergleichende Konfliktgeschichte der globalen Peripherie im späten 20. Jahrhundert.

Die Länderbeispiele (insbesondere Nicaragua, Irakisch-Kurdistan und Eritrea) umfassen einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren und Kriege von unterschiedlicher Intensität und Dauer. Sie finden sich auf drei verschiedenen Kontinenten und sind in teils mehr, teils weniger stark sich voneinander unterscheidenden kulturellen Kontexten beheimatet. Zeit und Raum dienen als Parameter zur Analyse der spezifischen Konstellationen lokal unterschiedlicher Prozessformen und jener Komponenten, die unter Berücksichtigung der Partikularität des einzelnen Länderbeispiels, auf Allgemeingültigkeit hinweisen.

Im Zentrum der Studie stehen zum einen Oral-History-Projekte zu Lebenserfahrungen von Kämpfer_innen in Krieg und Nachkriegszeit: Wie verändern sich Menschen und Gesellschaften im Verlaufe ihrer Sozialisation zu Kombattanten in einem Kriegssystem, und welche Transformationsprozesse durchlaufen sie auf dem Weg zum Frieden? Zum anderen verfolgt sie unterschiedliche Aspekte von Transformationsprozessen, die im Gefolge eines Übergangs vom Frieden zum Krieg und vom Krieg zum Frieden ablaufen: Was geschieht in Ländern, die nach einem langen Krieg eine Transformation des politischen Systems durch eine siegreiche Befreiungsfront durchlaufen?

 

Die Untersuchung „Vergleichende Kriegsforschung: Sozial- und Alltagsgeschichte von Befreiungskriegen nach dem zweiten Weltkrieg“ ist eingebunden in interdisziplinäre und internationale Zusammenhänge wissenschaftlicher Forschung und Auseinandersetzung.

 

Bereits seit 2008 ist das Felsberger Institut (FI) im Irak tätig. Seit 2010 unterhält es ein eigenes Büro in Erbil und Bagdad. Ebenfalls im Jahre 2010 startete das FI zusammen mit der Universität Kirkuk ein gemeinsames Konferenzprogramm, das sich mit den verschiedenen Aspekten und Dimensionen der Gewalt im Irak beschäftigt. Es zielt darauf ab, Repräsentanten und Institutionen der Zivilgesellschaft mit der akademischen Welt in Verbindung zu bringen, um so ein Forum für einen Dialog der gesellschaftlichen Kräfte zu schaffen. Seit 2012 haben diese Konferenzen einen internationalen Charakter: im April 2012 fand die Erste Internationale Konferenz zur Gewalt auf irakischem Boden in Kirkuk statt, 2013 folgte eine Zweite Internationale Workshop-Konferenz in Deutschland und im Dezember 2013 fand die Dritte Internationale Konferenz in Erbil statt. Alle drei Konferenzen wurden unter finanzieller Beteiligung und mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes durchgeführt. Diese von FI und Universität Kirkuk organisierten Irak-Konferenzen haben sich mittlerweile etabliert und die von uns initiierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt im Irak ist so auch zu einem Bestandteil der innerirakischen akademischen Diskussion geworden.

Aus diesem Engagement entstand im Dezember 2013 schließlich das „International Consortium for Research on Violence“ (ICRoV), das namhafte Institutionen und Einzelpersonen aus mehreren  Ländern und verschiedenen Disziplinen und Forschungstraditionen umfasst und zusammenbringt. Um weltweit Vergleiche zu ermöglichen und regional spezialisierte Konfliktforschung kennenzulernen, organisierte das Felsberger Institut gemeinsam mit der Universidad del Rosario im Mai 2014 daher die internationale und interdisziplinäre Konferenz „Realistic Peace and Turbulent Tranistions“ in Bogotá, Kolumbien.

Mittlerweile konnte auch ein vergleichendes Projekt zur urbanen Gewaltforschung im Irak und in Kolumbien etabliert werden, dass im Sinne einer akademischen Süd-Süd-Globalisierung die Städte Kirkuk und Barranca verbindet. Beteiligt sind neben dem Felsberger Institut Kirkuk University und die Universidad del Rosario in Bogotá.

 

Leiter des Forschungsschwerpunktes: Dr. Hartmut Quehl

FI-Repräsentantin Lateinamerika: Paula Timcke, Dipl.-Soziologin

 

 

2)                  Migrationsbezogene Bildungs- und Integrationsforschung

 

Der Schwerpunkt „Migrationsbezogene Bildungs- und Integrationsforschung“ betrachtet Migration nach Ankunft in Deutschland und Europa und begreift Sprachförderung und Bildung als Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration. Insbesondere jugendliche Flüchtlinge – oft ‚unbegleitete Minderjährige‘ – drohen beim Aufbau einer eigenständigen Existenz im Ankunftsland zu scheitern, wenn sprachliche und schulische Förderung ausbleibt oder zu kurz greift.

Zum besserem Verständnis der Situation und Nöte von Flüchtlingen und Migrant_innen und der Erarbeitung handlungspraktischer Empfehlungen greift dieser Schwerpunkt sowohl auf eigene Erkenntnisse der Konflikt- und Regionalforschung am Felsberger Institut zurück als auch auf ein breites Fächerspektrum aus Politologie, Recht, Soziologie, Psychologie, Geschichte und Ethnologie. Die migrationsbezogene Bildungs- und Integrationsforschung am Felsberger Institut erweist sich so als inter- und transdisziplinäre Schnittstelle mit konkreten Anwendungsbezügen.

Zentral hierfür sind das Promotionsprojekt Miriam Wolfsteins zu Anspruch und Wirklichkeit der Integration über Sprachförderung und Bildung und Rita Horvays Erhebung möglicher Sozialkosten durch ausbleibende oder mangelhafte Bildungsintegration.

Zudem initiierte das Felsberger Institut 2013/14 zwei EU-geförderte Projekte mit jeweils dreijähriger Laufzeit. Diese bearbeiten „Fortbildung, Weiterbildung und Sensibilisierung von Fachpersonal im Kontext psychosozialer und therapeutischer Arbeit mit UMF“ und „Sprach- und Lernförderung Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge (UMF) zur Integration in das deutsche (Aus-) Bildungssystem“.

Im August 2014 fasst das Symposium „Unbegleitete Minderjährige zwischen Traumatisierung und Integrationsdruck“ in Felsberg Expertisen, Zwischenstände und Handlungsbedarf zusammen. Das Symposium bringt interdisziplinäre Fachkräfte aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Praxisbereichen zusammen – aus der sozialarbeiterischen und pädagogischen Flüchtlingsbetreuung ebenso wie aus der Psychotherapie und den Rechts- und Gesellschaftswissenschaften, einschließlich der Ethnologie – und zielt auf interdisziplinären Dialog, weiterführenden fachlichen Austausch und gegenseitige Kooperationen über den unmittelbaren beruflichen Alltag hinaus ab.

 

Leitung des Forschungsschwerpunktes: Mirjam Wolfstein MA

 

 

3)                  Regionaler Forschungsschwerpunkt Horn von Afrika

 

Das Horn von Afrika bildet einen regionalen Forschungsschwerpunkt des Felsberger Institutes, nicht zuletzt, da seine vielfältige Geschichte und komplexe Gegenwart wesentlich von Krieg, Konflikt und Migration geprägt sind. Die Region eröffnet daher ein vorrangiges Arbeitsfeld für  Konflikt- und Friedensforschung, für Migrations- und politische Transitionsforschung und erlaubt nicht nur inter- und multidisziplinäre Debatte und Zusammenarbeit, sondern auch das produktive Einbringen hier auf empirischer Basis gewonnener Fragen und Erkenntnisse in andere regionale Kontexte.

Das FI möchte hier zum einen Interessen bündeln und Beiträge zur wissenschaftlichen Debatte leisten, zum anderen spiegelt das afrikanische Osthorn wie keine andere Region der Welt den Ansatz des FI wider, Migration nach Deutschland und Europa aus Herkunftskontexten heraus zu verstehen.

Besonderes Augenmerk gilt dabei der Tragödie Eritreas: Das kleine Land am Roten Meer errang nach drei Jahrzehnten des Guerilla-Krieges erst 1993 seine formale Unabhängigkeit und galt als Hoffnung Afrikas, bevor es sich in Kriege mit verschiedenen Nachbarstaaten stürzte – besonders verheerend der Grenzkrieg mit Äthiopien 1998-2000 – und erneut zu einem Flucht- und Auswanderungsland  wurde. Flüchtlinge und Migrant_innen aus Eritrea sind nicht nur in großer Zahl unter den Opfern der Transsahara-Migration, der Bootsunglücke im Mittelmeer oder der migrantischen Geiseln der Banditen auf dem Sinai, sie kommen auch als Asylbewerber und unbegleitete Minderjährige in Deutschland an.

Der Schwerpunkt „Horn von Afrika“ wird von Hartmut Quehl (Geschichtswissenschaft) und Magnus Treiber (Ethnologie) bearbeitet, die zur Geschichte des eritreischen Befreiungskrieges bzw. zum Alltag junger Städter in Asmara promovierten. Der Historiker Mussie Tesfagiorgis (heute: University of Winnipeg/Kanada) veröffentlichte seine Dissertation,  eine Regionalgeschichte des Krieges und der ökologischen Verwüstung („A fading nature“ 2007), im Hausverlag des FI, der edition eins, und Daniel R. Mekonnen (heute: International Law and Policy Institute, Oslo/Norwegen) verbrachte 2012 sein Humboldt-Stipendium am Felsberger Institut.

Zum Horn von Afrika wurden bislang u.a. zwei Kolloquien zu Eritrea organisiert (2009, 2014), zwei Panels auf der „European Conference on African Studies“ (ECAS) 2011 in Uppsala/Schweden angeboten und ein Sammelband (Tesfagiorgis & Mekonnen 2013) sowie ein Working Paper (Treiber 2014) erarbeitet. Zudem entsteht am Felsberger Institut derzeit ein eigenes Eritrea-Archiv.

 

 

Ansprechpartner des Forschungsschwerpunktes: Dr. Magnus Treiber